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Sein Leben in der Schrift festhalten. Nachruf auf Svein Jarvoll von Matthias Friedrich

  • ursengeler
  • vor 4 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

WAHRNEHMBAR so beschaffen, dass es wahrgenommen werden kann // VERFLÜCHTIGEN. 2.1 REFLEXIV sich verflüchtigen verschwinden; erlöschen (selten) // FRUCHT 4 Werk; Produkt

 

Sechs Tage nach seinem Tod stelle ich fest, dass Jarvoll ganze zwanzig Mal im Onlinewörterbuch der Norwegischen Akademie erwähnt wird, mit achtzehn direkten Zitaten, samt und sonders aus Ein nicht näher benanntes Wasserglas von 2001, die Treffer Nr. 17, 18 und 20, forflyktige seg, fenomenal und frukt, übersetzt als verflüchtigen, wahrnehmbar, Frucht, fallen mir sofort ins Auge, ich öffne die Artikel und ziehe das Buch aus dem Regal, auf S. 38 heißt es, „in der Aussicht auf sein Verschwinden wird das Individuum überzeitlich und verflüchtigt es sich gleichermaßen“, und später, auf S. 92, über den haecceitas-Begriff in Gerald Manley Hopkins’ Lyrik, „eine Offenbarung nicht des reinen Gotteslichts, sondern der Welt als wahrnehmbarer Instanz, wie Gott sie einst erschuf“, sowie, auf S. 131, im Essay über die Dämonenwand in der Kirche von Sauherad, „die wenigen Gesichter, die man fortwährend zu erkennen glaubt, verschwinden und erscheinen dem Betrachter wie Früchte der Einbildung“, drei prägnante Stellen aus dieser Essaysammlung also, die Jarvolls wichtigste Themen ansprechen: Memento mori, Sinnlichkeit und Überlegungen zum Wesen der Dichtkunst, sprich einerseits der einzelne Mensch, der der „namenlosen Zeit jenseits der Ahnentafel“ von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, im Versuch, sein Leben in der Schrift festzuhalten, andererseits die kleinen Dinge in der Welt, ganz gleich, ob sie in größeren Mengen oder einzeln auftreten, wie zum Beispiel das halluzinatorische Phänomen in der Australienreise, siehe S. 370, „leichte Kräuselungen, die feinen Tautropfen auf einem Objektivglas […] ähnelten“, wenige Zeilen später beschrieben als „ideoretinales Licht, Photoma, Photismus“, die Faszination für die Musikalität der Sprache, zum Beispiel Plosive und dunkle Vokale, wenn es etwa auf S. 53 der Melbourne-Vorlesungen heißt, der „Ertüchtigungsgaul der Anstalt“ lasse „ein Plopp-Plopp flott glänzender Äpfel fallen“, und künstlerische Arbeit, „warum müssen wir immer Bilder des Todes erschaffen“, s. S. 320 in der Australienreise, „Selbst in die Wüste bringe ich meine römische Rhetorik mit, diese klingenden Phrasen, die Säulen oder zumindest ein Triklinium benötigen, um richtig zu klingen“, und was fasst Jarvolls Werk besser zusammen als dieser Dreiklang aus Thanatologie, Phanopoeia und Melopoeia, denke ich in einer glücklichen Epiphanie, mitten in der Trauer.


Dieser Nachruf erschien bereits auf der Internetseite der Zeitschrift Vagant: https://www.vagant.no/svein-jarvoll-1946-2026/. Matthias Friedrich hat alle auf Deutsch erschienenen Bücher von Svein Jarvoll übersetzt:






 
 
 

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