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Meinolf Reul schreibt über Dagmara Kraus "wille zur mache"

  • ursengeler
  • vor 4 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

polin drum


New and notable ist das neue Buch von Dagmara Kraus, wille zur mache, daraus die Überschrift.Wer überprüfen wollte, ob das betreffende Gedicht tatsächlich ein Palindrom ist, müsste es nachbauen. Es ist das erste von fünfen, die die Dichterin, erfrischend denotativ, zwei verben überschrieben hat. Die Verben sind: anstehen, und anliegen. Dagmara Kraus stellt allerhand damit an. Wär ich nicht jedem Überschwang abhold, ich würde sagen: zum Niederknien.

Die Autorin (und Übersetzerin, und Dozentin) stammt aus Wrocław (Breslau). Das Polnische scheint in wille zur mache immer mal wieder durch, am Ende von polin drum bloß in Lautung, nicht in Lexik, wenn von einem frysz ajnge-/darmten szej/-nen kejsäck rainer[.] die Rede ist. Auch das Französische, ebenso wie geradezu unwahrscheinliche, aber existente, Idiome wie das Hochschwarzwäldische und Balbuta, eine von Alhierd Bacharevič eigens für seinen Roman Europas Hunde erdachte Plansprache, haben das Krausische von wille zur mache geprägt. Außerdem verwendet Dagmara Kraus stellenweise Lautschrift – ob eine oder mehrere, kann ich nicht unterscheiden.

Käsekrainer hin oder her, als literarischer Genussmensch kommt man auf seine Kosten.

Gemäß der Verlagsangaben enthält das Buch „bunte Bilder“. Diese fallen unter drei Kategorien: Blueouts (4), Farbfotos (4), Comic-Panels (1).Die Blueouts sind eine Variante der blackout poetry oder erasure poetry, für die mir eine offizielle deutsche Bezeichnung nicht bekannt ist. Übermalungen, hier: Überstempelungen, von Gedichten. Die Vorlagen stammen von Hannah Arendt. Mit einem runden Stempel hat die Dichterin Arendts Originalgedichte bearbeitet und zu Kraus-Gedicht-Bildern umgewandelt, die oberflächlich an Rechenschieber erinnern. Die nicht überblauten Sprachzeichen hat Dagmara Kraus jeweils eckig umrahmt, auch in Blau, und vis-à-vis als eigenes neues Gedicht gesetzt.Die bildlich und sprachlich poetischen Ergebnisse verhüllen nicht den mechanischen Anteil an ihrer Mache und sollen es natürlich auch nicht. Dagmara Kraus sabotiert dies Procedere aber sogleich, bringt hier und da Retuschen an, macht aus einem ankre ein encre (französisch für „Tinte“) – aus einem Beharrenden ein Fließendes –, oder verändert die Wortreihenfolge, in Abweichung vom jeweiligen Stempelgedichtbild: Sie lässt fünf gerade sein. Ihre Denkweise ist eben die einer Dichterin. Und da könnte ich jetzt noch lang weitererzählen, und tu das vielleicht auch noch, an meinem nächsten freien Tag.



 
 
 
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