Matthias Kniep bespricht Heinz Peter Geißler: "Hell wie Speck"
- ursengeler
- vor 1 Tag
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Matthias Kniep spricht über Peter Geißlers Gedichte in Deutschlandfunk Kultur, hier nachzuhören:
und er schreibt darüber, hier und unter dem Link nachzulesen:
Vom Glück der krummen Linie
Von Matthias Kniep, Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 31.08.2026
Heinz Peter Geißlers Gedichte reimen, stolpern, springen und überraschen. Kleine Beobachtungen werden zu schrägen Bildern und einfache Sätze plötzlich rätselhaft. Ein eigensinniger, heiterer Band, der zeigt, wie viel Welt in wenigen Worten stecken kann. Heinz Peter Geißler ist ein Dichter unter dem Radar. Zwar geben die wirklichen Kenner der Szene seine Verse von Mund zu Ohr zu Mund. Vielerorts jedoch löst die Nennung seines Namens lediglich ein Schulterzucken aus. Ein unhaltbarer Zustand, der sich spätestens mit Erscheinen seines neuen Bandes "Hell wie Speck" ändern sollte.
Die kurzen Gedichte sind untereinander verbunden durch eine diskrete Weitergabe der Motive; ein sprachlicher Staffellauf im Halbdunkel. "schrittweise heiter" geht es von Text zu Text. Poesie, die sich liest als eine Ermunterung zum "chronischen Glück", als ein "begeisterndes Konzert der Ankünfte und Abschiede". Berichtet wird von "der Karfreitagsruhe in der Landschaft" und vom Zittern, das sich ins Gefühl hinein stapelt.
Abzählreim und Kinderlied
Geißler ist weder ein Diskursdichter noch einer, der vorhätte, ein privates Bekenntnis abzulegen. Er ist viel eher ein Flaneur im Bett oder am Hang, der seinen Gedanken Leine gibt und dabei wunderbar handfest, ja lässig reimt: "Der Wald war der Forst / der Ernst war der Horst."
Die sanglich-klanglichen Gebilde stehen in der Tradition des Abzählreims und des Kinderlieds. Sie sind in der Nachbarschaft zum Nonsens gebaut: näher an Dr. Seuss als an Dr. Benn, näher am Nursery Rhyme als an der Sapphischen Ode. Das Windschiefe und Geknickte triumphiert und drängt "über die Front der geraden Linie". Selbst die oft so heiklen Wie-Vergleiche sitzen bei Geißler, wenn es etwa heißt, man sitze unter regnenden Zweiglein wie unter einer Predigt oder Haare seien lang "wie Sperberflüge nachm Start".
Von kleinsten Kleinigkeiten
Die Gedichte sind vermint mit Sentenzen, die zunächst logisch erscheinen, doch bei abermaliger Lektüre den Boden unter den Füßen wegziehen: "in der Wolle sitzt die Stütze fürs ungeschorene Schaf". Und es gibt solche, die in ihrer Bündigkeit unmittelbar einleuchtend und schlagend erscheinen: "was ein Geräusch macht ist meist schon da".
Den kleinsten Kleinigkeiten spürt Geißler nach: Einmal imaginiert er ein Mikrofon, das selbst das Schlucken der Fliegen aufnimmt, und er spricht Wünsche aus, von denen man nicht wusste, dass man sie hegt: "man möcht die Hitze nehmen und in den kalten Bach werfen".
Blick in Welt und Wolken
Für die hier versammelten Texte wurde Geißler mit dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. In der Jury-Begründung heißt es: "Diese Gedichte sind in ihrem Eigensinn beharrlich; sie löcken nicht nur wider den Stachel, sondern scheinen der Sache selbst den Stachel zu ziehen." Tatsächlich ist "Hell wie Speck" voll von nie gehörten sprachlichen Bildern; vom "rundgelben Raps mit gelbem Kratzgeschmack" ist die Rede und von über Jahrhunderte in den Boden zurückstürzenden Bäumen.
All das ist schön gesagt, aber – und das ist der feine Unterschied, der den Dichter vom Verseschmied trennt – es ist niemals nur um der Schönheit willen gesagt. Nein, hier ist kein Wortdrechsler am Werk, sondern einer, der als Künstler in Welt und Wolken blickt.




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